Leseprobe

aus dem 3. Teil

 

Er kam mit der Abenddämmerung. Jeden Tag.

 

 Wenn sie aufstand, war er schon fort, und jedesmal war da der beängstigende Gedanke, er käme nicht wieder. Aber das war es nicht. Wenn sie morgens im Bad vor dem Spiegel stand und sich die Haare bürstete, schien es eher, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Als wäre sie von Anfang an ganz allein in diesem Haus gewesen und hätte ihn sich nur eingebildet. Aber was machte sie dann hier, wie könnte sie hierher gelangt sein, wenn nicht in seinem Wagen, über Waldwege, die sie erst sah, wenn er einbog und später über eine Straße, die immer enger wurde, je höher sie kamen.

 

 „Ich möchte Ihnen eine Woche Ihres Lebens abkaufen”, hatte er im Café gesagt. Sie hatte ihn angesehen und war schockiert gewesen. Dennoch wußte sie, daß es eines Tages passieren würde. Daß jemand kommen und sie auf diese unerträgliche Weise holen würde.

 

 „Bezahlen?” hatte sie gefragt und wieder gelacht. „Mit Geld?” Aber das Lachen tat in den Mundwinkeln weh.

 

 Er hatte für jeden Tag eine Summe genannt. Zu gering, sie als Anzüglichkeit entlarven und gehen zu können. Hoch genug jedoch, um nicht mehr belanglos zu sein. Es traf sie im selben Maße, wie es sie faszinierte.

 

 „Ich werde nicht viel von Ihnen fordern, aber Sie werden tun, was ich verlange. Eine Woche, danach bringe ich Sie wieder zurück.”

 

 Ohne ihn hätte sie dieses Haus nie gesehen. Ohne ihn würde sie auch nicht mehr zurückfinden.

 

 „Warum?” hatte sie gefragt.

 

 „Ich habe etwas vergessen”, sagte er. „Nur Sie können mir helfen.”

 

 „Patrick ...?”

 

 „Pierre”, sagte er und sah sie an. „Sagen Sie meinen Namen!”

 

 Er lehnte sich vor, und fast glaubte sie, er wollte seine Hand auf ihre Wange legen, doch er betrachtete nur lange und aufmerksam ihr Gesicht.

 

 „Kommen Sie mit. Ich brauche Sie.” Er lächelte und öffnete die Hände. Von irgendwo kannte sie diese Geste.

 

 Sie öffnete ein Fenster im Dachzimmer. Sofort stürzte die Kälte in den Raum. Wohin ging er, wenn er morgens das Haus verließ, fragte sie sich, und sah über die vereiste Ebene. Der Wagen stand vor dem Haus. Wo mochte er sein, ohne Auto, dort, wo nur die Kälte bestand? Dort draußen war nichts.

 

 

*

 

 

 Damals im Café war sie ihm gefolgt. Bedenkenlos.

 

 Sie konnte dieses Haus nicht verlassen, nicht einmal für einen kurzen Spaziergang.

 

 Als sie zusammen das Café verließen, war sie fest aufgetreten, wie um sich zu überzeugen. Der Kellner hatte auf der Terrasse gestanden. Er hatte aufgesehen und war den kleinen Löchern, die sie mit den Absätzen in der Erde hinterließ, mit dem Blick gefolgt.

 

 Sie waren zu ihrem Haus gefahren, wo er draußen wartete, während sie wenige Klamotten einpackte. Als sie durch den betonierten Hof zum Auto ging - ein VW, der schon bessere Tage gesehen hatte, der Lack war zerschabt, Rost saß in den Schrammen -, hatte sie sich noch einmal umgedreht und auf ihre Fenster gesehen. Sie hatte einen kurzen, schrillen Gedanken gehabt: ‚Ich kenne ihn nicht, ich bin wahnsinnig, vielleicht komme ich nicht zurück.’

 

 Da war er zu ihr gekommen, hatte nach ihrer Hand gegriffen und sie sanft zum Wagen gezogen.

Es war diese Sanftheit gewesen, gegen die sie sich nicht wehren konnte. Ihre hohen Absätze klackerten über den Beton. Ihre Knie zitterten. Er griff fester zu. Und durch den Handschuh hindurch hatte sie plötzlich gespürt, daß sein Daumen zur Hälfte fehlte. Eine unbegreifliche Schwäche war über sie gekommen, und sie hatte sich auf den Beifahrersitz drücken lassen.

 

*

 

 

 Morgens war der Nebel dicht. Hüllte die Berge ein. Versteckte das Haus. Sie sah lange durch die Glastür in die vereiste Landschaft und fragte sich, was aus ihr würde, wenn er nicht mehr durch den Nebel zurückfände.

 

 Sie verbrachte die Tage, indem sie von einem Zimmer ins nächste und wieder zurück lief. In diesen Räumen gab es keine Kerzenständer, keine Sofakissen, keine Tischdecken. Es gab keine Lichterkette, keine Kühlschrankmagneten und keine Plattensammlung, wie sie es aus Hannes’ und ihrem taubenblauen Haus kannte. Nicht einmal Teppiche gab es. Es gab Wände, und nur selten traf sie auf etwas, was eine Geschichte hätte erzählen können. Die Masken, dachte sie. Die Zeichnungen mit den Blumen in der Küche. Die Baumwollpflanzen. Und sie, Lena, hatte keine Chance, das Haus mit ihren eigenen Sachen zu verändern. Alles, was sie mitgenommen hatte, befand sich im Auto, und dort war es unerreichbar.

 

 Sogar ihre Uhr, die sie am ersten Abend auf die Konsole im Bad gelegt hatte, hatte er weggenommen. Sie hatte nicht danach gefragt. Sie zählte die Tage mit, indem sie jeden Morgen einen Strich in dem weißen Flecken an der Wand über ihrem Bett ausradierte.

 

 Sie zog die Kleider an, die er ihr gegeben hat. Sie drehte sich darin vor der Glastür, streckte einen Finger nach sich aus und flüsterte: „Ich.” Immer wenn sie sich so betrachtete, wurde sie sich selbst eine Überraschung. Diese dunklen Augen. Diese aufgeregte Blässe.

 

 Ich, wiederholte sie im Kopf, ich – in einem Haus, das unter den Angriffen des Eises knirscht und stöhnt, in eine betörende Form von Grauen und Reglosigkeit versetzt und mit einem Mann, der mir Angst einflößt.

 

 Jeden Abend knarrte die Haustür. Sofort hörte sie auf, sich zu drehen, setzte sich in den Sessel und wartete. Das war eine der Regeln: daß sie so wartete, in dem Sessel, mit dem Rücken zur Tür, wenn er das Haus betrat. Sie hörte das Rascheln des Mantels, ein kurzes Räuspern, dann war es still. Lange. Es war etwas, was sie immer stärker ängstigte. Dieser blinde Moment zwischen seinem Hereinkommen und dem Griff seiner Finger um ihren Nacken. Was ist das nur, dachte sie, während sie angestrengt lauschte und ihr Herz schneller schlug.

 

 Er strich mit seinem nagellosen Daumen über ihren Hals. Er ließ sich Zeit dabei, als versuche er, etwas an ihrer Haut wiederzufinden. Dann kam er herum, zog einen Stuhl heran und setzte sich vor sie. Wie jeden Abend. Sie sollte nur sitzen und sich anschauen lassen. Nach einer Weile sagte er: „Sagen Sie etwas.”

 

 „Was?"

 

 „Irgendwas. Aber sehen Sie mich an dabei.”

 Er sprach langsam und gelassen, mit einer Stimme, die sie anzog.

 

 Ihr Körper spannte sich, weil etwas in sie überzutreten schien und sie schleichend verdarb, ohne daß sie verstand, ob es die Art seiner Forderung war oder die Stimme selbst, unberechenbar wie das Halbdämmer des Zimmers. So als wüßte er, daß laute Geräusche sich nicht mit der unruhigen Helligkeit seiner Augen vertrugen.

 

 Und sie gehorchte und begann zu erzählen. Irgendwas. Von dem Namen, aus dem sie bestand: Lena. Ihrem Leben. Mein belangloses Leben, dachte sie. Er saß nachdenklich, das Kinn in eine Hand gestützt, fragte nichts nach, antwortete nichts, schaute sie an. Wenn sie die Arme hob, um etwas zu unterstreichen, schien er aus einer Art Halbschlaf zu erwachen. „Nicht”, murmelte er. „Nicht bewegen ... bitte”, und sie ließ die Arme zurück auf die Lehnen sinken, langsam, schwer, als wollte sie sie nie mehr heben und sprach weiter, reglos seinem Blick hingegeben.

 

 Manchmal stand er auf, während sie sprach, und rückte sie in eine andere Position, legte eine ihrer Hände auf ihr Bein, beugte ihren Kopf ein Stück nach rechts oder links. Dann hörte sie auf zu sprechen, und er murmelte: „Bitte ... erzählen Sie weiter ... es ist nichts ... nur das Licht auf Ihrem Gesicht ... so ist es richtig ... ich muß Ihr Gesicht sehen ... genau sehen ... Sie erinnern mich an sie ... ich muß mich erinnern.”

 

 Doch sie ertrug seine Augen nicht und senkte den Blick. Er sagte nichts. Und sie sprach. Von Hannes, von ihrer Tochter, von Hamburg und ihren Kollegen – und während sie sprach, stellte sie fest, daß sie all diese Figuren und Orte ihres vorigen Lebens nicht vorstellbar, nicht wieder lebendig machte, sondern eher im Aussprechen zu verlieren schien. In dem Maße, in dem sie immer fieberhafter redete, um etwas Wesentliches aus ihrem Leben in dieses Haus hineinzuholen, es ihm zu schenken, wurden all diese Dinge immer unwesentlicher, bis sie endgültig auswichen und versanken, jedoch weder in ihr noch in ihm, sondern irgendwo. Vielleicht irgendwo dort draußen: in den Bergen, im Eis.

 

 Da hielt sie inne und flüsterte: „Was ist das nur?”

 

 Sie bemerkte stets an diesem Punkt des Innehaltens sein wie erloschenes, sehr weißes Gesicht, das sich nur zögernd aus seiner Starre zu lösen schien, immer erst, wenn sie ihn anschaute. Als hätte dieses Gesicht darauf gewartet, von ihr angeblickt, von ihren Augen belebt zu werden. „Was ist das nur mit uns?”

 

 „Warum haben Sie Ja gesagt”, fragte er.  

 

„Was wir hier tun”, sagte sie. „Ich fange an zu vergessen. Nicht richtig ... aber so, als wäre es nicht real gewesen ...”

 

Wenn sie morgens beim Aufstehen versuchte, im Kopf zurückzuholen, was sie ihm abends erzählt hatte, gab es nichts mehr. Nur das ungenaue Gefühl, daß sie sich an etwas erinnern wollte.

 

Es ist dieses Haus, dachte sie vor dem Spiegel und bürstete ihr Haar. Hier gab es keine Ablenkung als das Eis, das die Glastür zuwuchs. Das war es vielleicht. Das Eis zwang sie, über ihn nachzudenken. Dann steckte sie ihr Haar mit der Spange zusammen, die sie am ersten Tag im Bad gefunden hatte. Lila mit kleinen silbernen Tupfern darauf.

 

„Mein Leben wird immer kleiner hier. Irgendwann werde ich nichts mehr zu erzählen haben!”

 

„Es gibt Wesentlicheres. - Warum haben Sie Ja gesagt?” sagte er.

 

„Es mußte sein. Ich wollte es”, flüsterte sie. „Ich kannte einmal jemanden ... ich hatte eine Ahnung ...” Sie starrte auf seine linke Hand, auf den Daumenstumpf.

 

„Die Ahnung davon, wie es sein könnte ... hier ... mit Ihnen.” Er hielt die Hand still unter ihrem Blick, forschte in ihrem Gesicht. „Weil ich nicht wußte ... was noch kommen würde ... vielleicht war es das ... dieses Nichtwissen ... vielleicht wollte ich das erfahren ...”

 

Er lehnte sich vor, legte die linke Hand gegen ihre Wange. Sie wollte zurückweichen, doch da war schon die Lehne. Er strich über ihre Lippen. Sie schloß die Augen. „Nein”, sagte er ruhig. „Sehen Sie mich an. Ich muß sehen, wie Ihre Augen sich verändern ... wenn Sie zittern ... Ihre Haut ... wenn sie weiß wird ... vor Angst.”

 

„Wen haben Sie gesucht?” fragte sie hastig. „Damals in dem Café?”

 

„Anne.”

 

„Aber ich bin nicht Anne!”

 

„Seien Sie still. Bitte.”

 

Er sah ihr in die Augen, während sein zerstörter Daumen ihre Unterlippe erforschte, sie herunterzog und kurz die zarte Innenhaut berührte. Sie schluchzte auf. Er zog die Hand weg.

 

„Gut”, sagte er. Die Abruptheit war brutal. Die Hände lagen geöffnet auf seinen Knien in dem halben Licht, das gebrochen wurde vom Eis an den Fenstern. „Es ist zu spät. Gehen Sie schlafen.”

 

*

 

 

Am nächsten Morgen in der Küche erinnerte sie sich an sein weißes Gesicht. Sie kochte sich Kaffee und stellte Butter und Marmelade auf den Tisch. Sie lauschte auf das Geräusch der Kaffeemaschine.

 

„Niemand sucht Anne, nur Patrick!“ hatte sie gesagt, bevor er sie nachts aus dem Zimmer führte. „Sie sind Patrick!“

 

„Ich bin Pierre.“

 

„Aber warum ich?“

 

„Sie haben Ja gesagt.“

 

Sie schaute lange die beiden Bilder an der Wand an, auf einem Ranunkeln, auf dem anderen eine Narzisse und Tulpen. Rechts unten in der Ecke jedes Blattes ein kleines „P”. P für Pierre, dachte sie.

 

Abends rückte er den Stuhl so nahe heran, daß seine Knie ihre berührten. „Erzählen Sie”, sagte er.

 

Der Abstand stimmt nicht, dachte sie. Auf diese Weise war er ihr zu nah, um Belangloses zu reden. Zu fern, um zu schweigen.

 

„Warum sind Sie damals gerade in dieses eine Café gekommen?” fragte sie.

 

„Ich habe Sie beobachtet. Ich wußte, daß Sie da sein würden ... Sie sitzen immer dort ... ich kenne Sie ... ich habe gesucht ...”

 

„Aber Sie haben nach einer anderen gesucht!” sagte sie.

 

„Ich weiß.”

 

Er rückte ihren Kopf gegen die Sessellehne, öffnete den obersten Knopf ihres Kleids. Lehnte sich zurück und betrachtete sie aufmerksam. Sie bewegte sich nicht.

 

„Wo haben Sie früher gelebt?”

 

„Hier ...”, murmelte er. Seine Augen betasteten ihre Stirn, ihr Haar. „In diesem Haus ...” Er strich vorsichtig ihr Haar zurück, legte ihren Hals frei. Sie schluckte.

 

„Was ...” Ihre Stimme wollte nicht kommen. „Was ... tun Sie eigentlich dort draußen? Ohne Auto ... den ganzen Tag. - Dort draußen, Sie wissen doch, was ich meine, dort ist – nichts!”

 

Als er aufstand, sah es aus wie in Zeitlupe. Er stand vor ihr, sein Mund zusammengepreßt, farblos. Er hob die Hände, und da schlug die Angst über ihr zusammen. Von einer Sekunde auf die andere war ihre Haut schweißnaß. Das Messer, zuckte es blitzlichthaft in ihr auf. Es war in der Küche, das Messer zum Brotschneiden, sie mußte nur aufspringen, mußte nur schneller sein als er. Da legte er schon die Finger um ihren Hals, und sie schrie. Sie wollte schreien. Die Stimme kam nicht. Er ließ sie los, trat zurück, sah auf seine Hände, flüsterte: „Fragen Sie mich das nie wieder, hören Sie. Nie wieder!”

 

Sie zitterte. Er sah sie an, schweigend. Seine Augen waren zu weiß, und von seinem ganzen Körper ging eine schmerzhafte Anmut aus.

 

 

Foto: Hannes Windrath
Foto: Hannes Windrath

 

 

 

 

 

 

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