Auszug aus dem Stück "Der Tourist"

(...)

 

 

Tourist: Aber Sie wollen mir jetzt nicht erklären, dass sie nicht zu viel gewollt hätte!

 

Er: Ich weiß nicht. Ich ... weiß nicht!

 

Tourist: Gut, anders: Was wollte sie denn?

 

Er: Anklopfen. Mit mir spazieren gehen. Ins Kino. Meine Hand anfassen, wenn wir auf der Straße sind. Mit mir in ein Café gehen. Mich um Hilfe bitten, wenn es ihr schlecht geht. Mit mir lachen, Tiere gucken, Sekt trinken, mir durchs Haar fahren. Mich anschauen. Meinen Namen sagen. Laut.

 

Tourist: Viel zu viel! – Und was wollten Sie?

 

Er: Ich wollte ... ich ... wollte, dass ich sie ansehen kann. Dass sie zurückschaut und mich will. Dass sie sich nicht wegdreht. Ich weiß nicht ... Aber ich ahne, was sie von mir hält! Sie hält mich für einen Feigling!

 

Tourist: (langes verlegenes Schweigen)

 

Er: (fängt an, bricht wieder ab, sieht aufs Wasser)

 

Tourist (räuspert sich): Nun, es ist eigentlich nicht meine Aufgabe, Ihnen das zu sagen, aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass das, was sie von Ihnen hält und das, was sie für Sie fühlt, vielleicht nicht dasselbe ist?

 

Er: Das haben Sie vorhin schon gesagt. Was meinen Sie damit?

 

Tourist: Hören Sie, ich mache das hier nicht zum ersten Mal. Fragen Sie bloß nicht. Und immer erzählen mir die Leute dann irgendwas. Ich sitze da und höre zu. Ja, das tue ich. Hin und wieder, wenn mir die Leute sympathisch sind, werfe ich auch was ein. Nur – die meisten wollen gar nichts hören. Sie haben ihre Version der Geschichte, und alles andere zählt nicht. Aber wissen Sie, was merkwürdig ist: Jedes Mal erzählen mir die Leute die Wahrheit, jedenfalls sagen sie das so. Sie erzählen aber immer nur einen Teil, und die Stelle, die ausgelassen wird, ist das Herz. Merkwürdig, oder? Manchmal habe ich schon die Befürchtung, die Leute sagen mir wirklich die ganze Wahrheit, und ich bin ein sentimentaler alter Kauz, und ...

 

Er: Hier, schauen Sie. (hält ihm etwas in der Handfläche hin)

 

Tourist: Ein Glasblock?

 

Er: Ein Herz.

 

Tourist: Das ist Ihr Herz?

 

Er: Nicht meins, das ist ihres.

 

Tourist (setzt sich auf): Sie haben ihr Herz hier? Sie haben es noch nicht weggeworfen? Und das sagen Sie mir erst jetzt?

 

Er: Was ändert das?

 

Tourist (lehnt sich wieder zurück, sinkt zusammen): Sie haben recht. Es ändert nichts.

 

Er: Ich sollte es wirklich wegwerfen. Ich brauche es jetzt ja nicht mehr.

 

Tourist (gleichgültig): Tun Sie das.

 

Er: Warum sagen Sie das?

 

Tourist: Ich bin das Ende der Geschichte. Was erwarten Sie? – Wo ist eigentlich Ihr Herz?

 

Er: Ich weiß nicht. Ich hab‘s vergessen. Ich habe zu wenig Zeit.

 

Tourist: Die Arbeit, die Wohnung, der Hund, die Freunde, die Liebe, Tagungen, am Meer sitzen und frieren, Termine. Man muss Prioritäten setzen. 

 

Er: Ja.

 

Tourist (ganz leise): Und was, wenn sie Sie liebt?

 

Er: Was?

 

Tourist: Und was, wenn sie Sie liebt?

 

Er: Blödsinn. Könnten Sie sich das vorstellen?

 

Tourist (setzt sich wieder auf, sieht ihn eine ganze Weile aufmerksam an, schüttelt dann den Kopf): Nein. - Aber ich stecke auch nicht in der Haut dieser Frau.

 

Er: Ein Mädchen.

 

Tourist: Was?

 

Er: Keine Frau, sie war ein Mädchen.

 

(...)

Foto: Hannes Windrath
Foto: Hannes Windrath

 

 

 

 

 

 

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